Neuzeitarchäologie
Rückblick
in eine graue Zeit

Zerstörte Bauernwirtschaft bei Sachsendorf.
So sah es vielerorts im Oderbruch Ende 1945 aus.
 

Mai 1945:


Zweieinhalb Monate lang war das Oderbruch im Frühjahr 1945 ein riesiges Schlachtfeld gewesen, tausende deutsche und russische Soldaten standen sich gegenüber.
Zurück blieben die mit Toten übersäten Felder, völlig zerstörte Dörfer und Städte.

Ein Geruch von Toten und verbrannter Erde lag in der Luft. Man stand in einem Nichts und sah einer ungewissen Zukunft entgegen.
Hunger und Krankheiten gehörten zum Alltag.

Unter dem Motto “In den Wald einkaufen gehen” suchten die Menschen in ihrer Umgebung nach brauchbaren Utensilien, um die ihnen fehlenden Dinge zu ersetzen. Während der Feldforschung entdeckte Fundstücke verdeutlichen die Situation, in der die Menschen nach dem Krieg lebten.

Dieser Brotbeutel, die Feldmütze, das Brillenetui und die Koppelschlösser wurden weiterverwendet.

Bei der Feldmütze und den Koppelschlössern ist vorher das Hoheitsabzeichen entfernt worden.

Im Bild links:
eine Sandale, die aus einem Stück Holz und einem Webgurt
gefertigt wurde, ein Zeichen dafür, dass Schuhwerk kurz
nach dem Krieg schwer oder gar nicht zu bekommen war.


Zur einer Schöpfkelle
ist dieser Luftschutzhelm
umfunktioniert worden.

Als Ersatz für eine Schultasche
diente diese militärische Packtasche 34 .

In den nach dem Krieg massenhaft herumliegenden
Kriegsmaterialien und -geräten suchten die Menschen
nach brauchbaren Gegenständen.

Kinder spielten oft mit Kampfmitteln und nicht wenige
bezahlten ihre Neugier mit dem Leben.
Bei diesem Schubkarren sind die Laufrollen eines Halbketten-
fahrzeugs als Räder verwendet worden. Hier bestand der Vorteil
darin, dass es keinen Schlauch gab, der kaputt gehen konnte.

Der Aufsatz ließ sich aus einfachsten Mitteln zimmern.
Im Januar 2006 wurde diese fast komplette Kette einer sowjetischen leichten Selbstfahrlafette bei Umbaumaßnahmen auf einem Grundstück in Alt-Rosenthal entdeckt.

Nach Aussage des Grundstückseigentümers
diente diese Kette im Schuppen als Fußboden.

Die Protze
ein Militärfahrzeug aus einer längst vergangenen Zeit
Verwendung:

Im Pferdezug dienten Protzen bei Kanonen, Munitionswagen und sogar bei Feldküchen als Vorspanngeräte. Mit der Weiterentwicklung des Militärwesens wurden auch die Konstruktionen der Protzen immer wieder den an sie gestellten Anforderungen angepasst und verbessert. Der um 1900 eingeführte federgedämpfte Protzhaken führte zu einem besseren und ruckfreieren Fahren selbst bei einem hohen Zuggewicht.

Die Protzkästen wurden so gefertigt, dass in ihnen Munition, Ersatzteile oder Geräte untergebracht werden konnten. Je nach Bauart der Protze konnten auf dem Protzkasten 2 oder sogar 6 Soldaten aufsitzen.

Manöveraufnahme:
Soldaten der Wehrmacht auf dem Marsch mit einer leichten 10,5 cm Feldhaubitze.
Im Gegensatz zu den Heeresfeldwagen oder den Feldküchenwurden Geschützgespanne vom Sattel aus gefahren, zudem trägt jedes Pferd einen Sattel.

Für die Versorgung der Truppen
im Gefecht waren die Feldküchen unentbehrlich.
Im Protzkasten befinden sich Vorratsfächer, an
der Rückseite ist ein herunterklappbares Fleischbrett
und hinter dem Bocksitz sind zwei Speiseträger untergebracht.
Eine Geschützbedienung der Reichswehr beim Aufprotzen,
wie das Anhängen des Geschützes im militärischen Sprach-
gebrauch genannt wurde.
Die 2001 wiederentdeckte Protze (unrestauriert).

Erklärung zum Fundstück:
Einige bei der Restaurierung ausgemachte Farbreste können einem Farbanstrich zugeordnet werden, wie dieser bei der Reichswehr um 1930 verwendet wurde.
Während der Abwehrschlacht 1945 ist diese Protze liegengeblieben und fand noch kurze Zeit nach dem Krieg bei einem Bauern aus Worin als Ackerwagen eine Verwendung.
Ausrüstung und Zubehör:
Um die Soldaten, die Pferde und die Geräte möglichst lange einsatzfähig zu halten, wurden neben dem Sturmgepäck der Soldaten
auch Gegenstände zur Versorgung und Pflege der Pferde mitgeführt. Kleine Reparaturen wurden von den Soldaten selbst erledigt.

Die Einheitslaterne wurde bei Nacht-
fahrten an den Gespannen angebracht

Dieser Rucksack für Artilleristen ist 1944 hergestellt
worden und konnte mittels Metallhaken an das
Koppeltragegestell angehängt werden.


Um Platz zu sparen, wurden aus dickem Stoff gefertigte Wassereimer verwendet.

Vergangenheit
entdecken und dokumentieren


Dieses Bild ist bei der Bestandsaufnahme 2007 entstanden und zeigt das Platkower Kriegerdenkmal,
von dem nach all den Jahren eigentlich nur noch der Obelisk aus Sandstein vorhanden ist.
Es fehlt sogar die erste Granitstufe auf der Ostseite.



Das Platkower Kriegerdenkmal:

Nach dem Friedensschluss im Jahre 1871 wurden in Gusow und Platkow die Friedenseichen durch die im selben Jahr gegründeten Kriegervereine gepflanzt.

26 Jahre später fand auf dem Dorfanger in Platkow die Grundsteinlegung auf Initiative des Kriegervereins für das Platkower Kriegerdenkmal statt. Erschienen waren an diesem 05. September im Jahre 1897 auch die Kriegervereine aus Gusow und Neuhardenberg.

Hauptmann Grabe vom Meldeamt Seelow hielt dazu die Rede. Nach dem eigentlichen Festakt feierte die Bevölkerung im idyllisch gelegenen Platkower Waldlokal “Kurzer Arm” bei einem Konzert und anschließend wurde in zwei Gasthöfen zünftig getanzt.

Ende 2007 hat eine Untersuchung des Platkower Kriegerdenkmal vor Ort ergeben, dass der Obelisk aus 7 sandsteingefertigten Einzelteilen besteht und eine Gesamthöhe von ca. 5 m hat. Von den einst vorhandenen Tafeln sind noch Rudimente der Befestigungsbolzen sichtbar.

Bis heute ist der Verbleib der Tafeln leider ungeklärt. Der Adler - als Krönung des Obelisken - war bis in die 60er Jahre noch vorhanden und ist erst danach verschwunden. Die Ostseite des Obelisken wurde mit weißer Farbe in polnischer Sprache mit der Aufschrift “Den sowjetischen Siegern über die Schwaben 1.5.1945” versehen. Das Wort Schwaben ist im polnischen Sprachgebrauch ein Schimpfwort für die Deutschen.

So wird vermutet, dass diese Aufschrift von Angehörigen einer polnischen Militäreinheit, angebracht wurde, die mehrere Wochen kurz nach dem 2. Weltkrieg in Platkow einquartiert waren. Die Tafel auf der Ostseite musste zu diesem Zeitpunkt bereits gefehlt haben.
Ein Grabstein als Verankerung:

Eine einfache und interessante Methode, etwas über unsere Vergangenheit zu erfahren, ist das Beobachten von Straßenerneuerungsarbeiten. Nicht selten werden dabei bauliche Überreste uns vorangegangenen Generationen entdeckt. Bei der Anlage des Straßengrabens in Platkow 2007 wurden in der Kurve in Höhe des Sowjetischen Ehrenmals die Reste eines Gewölbekellers gefunden, die nach einigen Recherchen dem Petroleumlager des Nachtwächters zugeordnet werden konnten.

Weiterhin fand sich in der Nähe des Gewölbes ein Grabstein und der Stumpf eines Strommastes. Um den Grabstein ist ein Draht gewickelt worden,
da man den Stein als Widerlager des Strommastes verwendet hat. Ein Fund, bei dem es interessant wäre zu wissen, wie dieser von einem Archäologen in tausend Jahren bewertet wird.
Lageskizze des Grabsteins,
der beim Ausbaggern des Straßengrabens gefunden wurde. Der dicht danebenliegende Gewölbekeller wurde vermutlich beim Abriss der Kirche mit Erde verfüllt und mit Holzbohlen abgedeckt, von denen lediglich nur stark verfaulte Reste gefunden wurden.
Zeichnung des Platkower
Kriegerdenkmals mit der
rekonstruierten Aufschrift
SOWIECKIE ZWYCIESTWO
NAD SZWABAMII.V. 1945
”.
Das Bild auf der Ansichtskarte von 1902 zeigt das Platkower Kriegerdenkmal, welches mit einem hölzernen Zaun eingefriedet war.

Landschaften
aus neuzeitarchäologischem Blick
Wie sehr der Landkreis Märkisch-Oderland von den militärischen Ereignissen im Frühjahr 1945 geprägt wurde, wird besonders in der archäologischen Feldforschung deutlich.
Ganze Landstriche wurden zu Schlachtfeldern, tausende von Stellungslöchern gegraben und die Landschaft nachhaltig verändert.
Ein kleiner Auszug von vielen soll einen Einblick darüber geben.
Dieses Projekt wurde 2007 von den Mitgliedern des Geschichts- und Heimatvereins Gusow-Platkow e.V. erarbeitet.
Layout & Recherche: A. Köpp
Fotos: H. Drewing
In der heutigen Zeit schon ein recht seltenes
Bild. Eine Lukenabdeckung von einem sowjetischen schweren Sturmgeschütz wurde zu einer Sickerschachtabdeckung umfunktioniert und ist bis heute ein Teil der Landschaft um den Friedersdorfer Dorfteich.
Bei den Kampfhandlungen im Frühjahr 1945 wurden die Alt Tuchebander Kirche vollständig zerstört und die Friedenseiche stark beschädigt. Um diese weiterhin zu erhalten, mußte die Eiche mit einer Baumkronensicherung versehen werden.
Sehr alte Bäume sind in unseren Wirtschaftswäldern kaum noch zu finden. Wenn ja, sind auch sie oft von Kriegseinwirkungen geprägt, wie diese Kiefer im Woriner Forst. In den meisten Fällen kommt nur eine Weiterverarbeitung zu Brennholz in Frage.
Für die heutige Zeit recht untypisch. Ein Alleebaum an der Görlsdorfer Straße ist an der straßenabgewandten Seite beschädigt. Die leichte trichterförmige Vertiefung neben diesem Baum lässt vermuten, dass hier im Frühjahr 1945 eine Granate eingeschlagen ist.
In Brandenburg wurde die größte Schlacht auf deutschem Boden geführt. Noch 62 Jahre nach dem 2. Weltkrieg ist Kriegsschrott in unserer Umgebung zu finden, wie hier an einer Stelle im Marxdorfer Forst. Ein Problem, dass vermutlich noch Generationen beschäftigen wird.
Lücken zwischen den Alleebäumen im unteren Bereich der B167 (zwischen Gusow und Seelow). Hier fällte die Wehrmacht einige Eichen, um Schussfeld für die in Stellung gebrachten Geschütze zu sc haffen. Heute wachsen dort junge, von selbst angeschonte Ahornbäume.
Junge Robinien wachsen heute in den Bunkerlöchern, die vom Görlsdorfer Volkssturm im März 1945 in der Nähe des Wermelinsee ausgehoben wurden. Ursprünglich sollten diese Bunker die letzte Rückzugsmöglichkeit für die nicht evakuierte Görlsdorfer Bevölkerung sein.
20,5 Meter in der größten Ausdehnung misst dieser Sprengtrichter im Woriner Forst, der Ende 1945 bei der Sprengung von Munitionskörpern entstanden ist.
Dabei wurden mindestens 115 Kubikmeter Erdreich herausgeschleudert.
Von der Schäferei “Albertinenhof” am Weinbergsee ist heute nichts mehr zu finden. Am 17. und 18. April wurde die Schäferei bei den Kampfhandlungen stark beschädigt.
Diese wurde nach dem Krieg zur Wiedergewinnung von Baustoffen freigegeben und abgerissen.
Die Woriner Mühlenfließbrücke musste erst verstärkt werden, um sie mit Panzer befahren zu können. Als die Front Worin erreichte, wurde sie zur massiven Panzersperre ausgegebaut. Dazu fällte die Wehrmacht die davor stehenden Eichen so, dass diese quer über der Straße lagen.
Auf einem Feldweg bei Worin ist im April 1945 ein schwerer Panzer liegen geblieben und erst Jahre nach dem Krieg verschrottet worden. So musste, der, wer an ihm vorbei wollte, um ihn herumfahren.
Noch heute wird die dabei entstandene Fahrspur genutzt.
Im oberen Bereich der B 167 (zwischen Gusow und Seelow) errichtete die Wehrmacht im Frühjahr 1945 einen Feldflugplatz (Scheinanlage). Dazu wurden auf einer Länge von 250 Meter Alleebäume gefällt. Dieser Abschnitt ist heute von nachgepflanzten Eschen geprägt.


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